So abenteuerlich ist Mastenbau

IBN 12/2013                        °°°

Ein Sonntag im November 2012. Ein Flugzeug aus Frankfurt landet auf dem Tocumen-Airport in Panama City, dem größten und meist frequentierten Flughafen in Mittelamerika. Es ist bereits dunkel, als die beiden Männer aus Deutschland mit Ihrem Mietwagen die Weiterreise nach Colon antreten. Achtzig Kilometer von der Atlantik- zur Pazifikküste von Panama, quer durch den Dschungel, östlich des Kanals.

Mastenbau_1

Was sich zunächst wie der Anfang einer Abenteuerreise liest, ist in Wirklichkeit einer von vielen Arbeitseinsätzen von Florian Krafft und seinem Mitarbeiter Ralph Riedesser. Ganz unspektakulär und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat er sich seit der Übernahme des Sailpoints im Yachthafen Kirchberg im Jahr 2004, vom Inhaber des Wassersportzubehörladens zum europa- und bisweilen weltweit agierenden Riggfachmann und Selden-Händler entwickelt.

Termintreue hat Priorität

Die meisten Masten, die er ins Ausland liefert, gehen an Charterunternehmen. Diese Aufträge müssen zügig abgewickelt werden, da die Schiffe in den meisten Fällen für die gesamte Saison im Voraus ausgebucht sind. Von der ersten Kontaktaufnahme mit dem Eigner bis zum Transport des fertigen Riggs, gebaut in der Selden-Riggwerkstatt in Brouwershaven in den Niederlanden, vergingen in einem dringenden Notfall einmal nur sieben Tage. Im Normalfall dauert ein so komplexes Projekt natürlich länger. So hat er bereits für Spanien Masten in Malaga, Valencia, Barcelona, Villanova, Almerimar und Mallorca gestellt. Als in Valencia das mitgelieferte Augterminal für das Kutterstag 7mm statt 8mm hatte, fuhr er kurzerhand 600 Kilometer nach Barcelona und zurück, um das Rigg termingerecht stellen zu können.

Yachten, die Geschichte schrieben

In Italien traf er auf „Suca“, einen ehemaligen Admiral’s Cupper, der in den 70er-Jahren glücklos gesegelt worden war. Als er 1977, ganz gegen die Regel, einmal nicht letzter wurde, tauchte kurz darauf, wie in einem Spionage-Film, ein ungebetener Besucher heimlich unter das Schiff im Kieler Yachthafen. Was der Taucher unter Wasser am Achterschiff ausmachte, schlug Wellen bis an die Stammtische der Clubhäuser. An der Suca war die Schraube nicht nur locker, sie fehlte ganz: Ohne die vorgeschriebene und mitvermessene Schraube mit Welle, hatte sich der Cupper einen unlauteren Vorteil erschlichen. Er wurde disqualifiziert.

Bei einem österreichischen Eigner verdient sich Suca heute ihr Gnadenbrot. Dreimal war er mit ihr bereits um die Welt gesegelt. Beim vierten Mal verlor sie Ihr Rigg vor Griechenland. Sie wurde unter Motor nach Italien verlegt und wartete auf Hilfe aus Kirchberg. Als sich die vom Eigner angegebenen Riggmaße unzuverlässig anfühlten, setzte sich Florian Krafft kurz entschlossen um Mitternacht ins Auto, fuhr nach Monfalcone in der Bucht von Triest, vermaß die Dame und fuhr um sieben Uhr morgens wieder zurück.

Ein sehr schönes Projekt lag direkt vor der Haustür im Bodensee. Madame, ein Dänischer Königskreuzer Baujahr 1903. Das alte, extrem schwere Vollholzrigg wurde gegen ein modernes und im Vergleich dazu federleichtes Aluminiumrigg ersetzt. Die Segeleigenschaften des Oldtimers haben sich dadurch erheblich verbessert, Schiff und Eigner bleiben jetzt deutlich länger trocken.

Die Masten sind verladen und gehen auf die Reise um den   Globus
Die Masten sind verladen und gehen auf die Reise um den Globus
„Zuwendungen helfen Probleme  zu lösen.
„Zuwendungen helfen Probleme zu lösen.

Wo die Liebe hinfällt

Auch in Frankreich verhalf Krafft einer nicht alltäglichen Yacht zu einem neuen Mast. Die Schweizer Eigner hatten den stählernen Reinke-Eigenbau in der Türkei gekauft und auf einem Tieflader nach Basel gefahren. Nach dem Sandstrahlen in der Werft blieb vom Traum vom eigenen Schiff nur noch der Kiel übrig. Hin- und hergerissen zwischen verschrotten und restaurieren entschiedenen sie sich für Letzteres. Ein Schweizer Konstrukteur zauberte rund um den Kiel ein neues Boot, welches am Rhein-Rhone-Kanal in Niffer in Frankreich über vier Jahre von den Eignern liebevoll ausgebaut wurde, bevor auch dieser Phönix wieder Flügel bekam.

Es läuft nicht immer reibungslos

„Wenn man den Weg nicht weiß, braucht man einen Wegweiser“, ist schon in Janoschs Kinderbuch die Logik vom kleinen Tiger und dem kleinen Bären, die sich, die Tigerente im Gepäck, zum Traumland Panama aufmachen. Zum Leidwesen unserer beiden Riggspezialisten gab es davon, zumindest in Panama-Stadt, ausgesprochen wenige. Die Suche nach der Autopista Panama-Colon gestaltete sich dementsprechend abenteuerlich. Bewaffnet mit I-Phone, Google Maps und Kompass navigierten die beiden über eine Stunde durch die nächtliche, aber sehr sichere Hauptstadt mit annähernd 900.000 Einwohnern, bis sie auf die richtige Straße trafen.

Wie fand der Mast nach Panama?

Der 18,75 Meter lange Rollmast war dagegen bereits angekommen. Verschifft mit der „Bahia Laura“ von Rotterdam nach Colon, in zwei Teilen, mit stehendem und laufendem Gut, Rollanlage, Segel, allem Zubehör und Werkzeug in einem 40 Fuß-Container. Vier Wochen lang stand der Container dann im Hafen und konnte nicht ausklariert werden. Angeblich war er nicht auffindbar. Was zu dem glücklichen Umstand führte, dass er ausgerechnet am Samstag vor Ankunft von Florian und Ralph auftauchte und die Zollformalitäten passieren konnte, blieb im Dunkeln. Bekannt ist dagegen, was die Weiterreise des 40 Fuß-Containers auf einem Tieflader zum Liegeplatz der Yacht ermöglichte. Die Marina, direkt an der Einfahrt, jedoch auf der Westseite des Kanals gelegen, konnte mit dem LKW nicht angefahren werden. Über die dort installierte Klappbrücke war es wohl nicht möglich. Also musste der Container mit einer Fähre nahe der Schleuse transportiert werden. Diese verkehrt jedoch angeblich nur samstags und sonntags und war deshalb bereits für die nächsten vier Wochen ausgebucht. Eine großzügige Zuwendung in Höhe von 500 Dollar löste das logistische Problem schnell und unbürokratisch. Der Container wurde noch am selben Samstag übergesetzt und konnte die letzten Kilometer zur Marina problemlos zurücklegen.

Glück im Unglück

Die Eigner der Tajana 42, ein deutsches Ehepaar, waren unterwegs auf Ihrem alljährlichen Überführungstörn von Ihrem Heimatrevier, den San-. Blas Inseln, ins Winterlager, der Marina von Colon, die als einzige über einen Travellift verfügt, als bei 25 Knoten Wind und vier Meter hohen Wellen ein Toggle vom Wantenspanner brach. Der Mast krachte auf die feste Baumstütze, die zum Glück Schlimmeres verhinderte. Außer einer abgerissenen Sehne in der Schulter der Eignerin gab es keine weiteren Verletzungen. Der Mast dagegen war total zerstört und ging über Bord. Das Radargerät und die anderen Instrumente waren unbrauchbar geworden.

Strenge Zollvorschriften

Da gemäß der in Panama gültigen Zollvorschriften kein Werkzeug ausgeführt werden darf, wurde mit dem Mast nur das Nötigste an Werkzeug verschifft. Eine teure Terminalwalze konnte also unmöglich mitgenommen werden. Dies bedeutete, dass das gesamte stehende Gut mit Rollanlage fertig konfektioniert verschifft werden musste. Änderungen vor Ort waren ausgeschlossen! Mithilfe von alten Fotos und Segeln wurde das Rigg rekonstruiert und die Baumhöhe geschätzt. Der Eigner ermittelte mit Hilfe einer langen Latte über der Shearline die Wantenlängen.

Auf Safari in der Regenzeit

Als die beiden schließlich am Montag in der Marina ankamen fanden Sie, entgegen jeder Vereinbarung, zwar nicht Ihren Container, jedoch dessen Inhalt in buntem Durcheinander fröhlich auf die Wiese gekippt.

Es regnete. Tropischer Dauer-Platzregen verwandelte Wiesen und Plätze in Seen, Straßen in reißende Flüsse. Der mühsam geschäftete Rollmast stand auf Böcken in einem gigantischen Schlammloch und machte die Arbeit im Ostfriesennerz zur reinen Freude. Wasserbedingte Stromausfälle überraschten mit Abwechslung. Manchmal gab es gar keinen Strom, dann wieder standen 220 V oder nur 110 V zur Verfügung. Mit geliehenen 110 V-Geräten konnte dann je nach Verfügbarkeit im fliegenden Wechsel weitergearbeitet werden. Zu allem Überfluss musste die Bohrung des Lümmelbeschlags für den Fockbaum aufgebohrt werden. Der passende Bohrer passte nicht ins Bohrfutter, also auf nach Colon. Die 35 Kilometer durch den geschützten und traumhaft schönen Urwald wurden durch den unbeschreiblich starken Regen zum Safari-Erlebnis. Mitten auf der Straße schwamm ein Krokodil vorbei, offenbar aus seinem ursprünglichen Habitat, dem Französischen Kanal, herübergeschwemmt. Der Müll trieb haufenweise durch die überfluteten Straßen von Colon, einer der unsichersten Städte der Welt. Diebstähle, Überfälle, Raub und Mord sind an der Tagesordnung. In einer gut organisierten Werft, mit Stacheldraht gesichert wie ein Hochsicherheitsgefängnis, konnte das Loch schließlich gebohrt und Fehlendes erstanden werden.

„Schöner Schlam(m)assel“, doch das Material ist da.
„Schöner Schlam(m)assel“, doch das Material ist da.
Passgenaue Teamarbeit mit nicht immer perfekten Mittel.
Passgenaue Teamarbeit mit nicht immer perfekten Mittel.

Panama riecht nach Bananen

In der Marina stand zwar ein Travellift aber kein Kran zur Verfügung. Um den Mast stellen zu können, musste ein Autokran aus Panama City die 80 Kilometer bei immer noch strömendem Regen nach Colon fahren. Als er ankam, mochte das mit deutschen Sicherheitsstandards verwöhnte Team seinen Augen nicht trauen – das Stahlseil, an dem der Haken hing, war zusammengeknotet! Aber der Knoten hielt mehr als er versprach und endlich stand der Mast. Leider war die Rollerleine für das Rollgroßsegel ein wenig zu kurz. Im bereits bekannten Hochsicherheits-Geschäft war kein Polyestertauwerk zu bekommen. Mit der Zahlung von etwas „Bakschisch“ gelangten unsere beiden Rigg-Helden in die Colon – Freezone, die zweitgrößte
Freihandelszone der Welt, eingezäunt und streng bewacht. Hier ist ein Handelsplatz ausschließlich für Wiederverkäufer. Die Ware kann normalerweise nicht aus dieser Zone hinausgetragen, sondern nur verschifft oder ausgeflogen werden. Hier gab es alles Erdenkliche womit auf dem Erdball gehandelt wird. Nur kein Polyestertauwerk. Also machte sich Florian Krafft auf den Weg nach Panama City, sind ja nur 80 Kilometer. Nach zehn oder zwölf ergebnislos durchforsteten Fachgeschäften, entdeckte er zwar Luxusartikel wie Satellitenantennen für 30.000 Euro aber auch keine Polyesterleine. Ein deutscher Autor von Reiseführern über die paradiesischen San-Blas-Inseln, östlich von Colon gelegen, der seit zwanzig Jahren mit seinem Schiff in der Bucht von Panama City vor Anker liegt, hatte den ultimativen Insider-Tip: Samstags ist immer Hehlermarkt. Und tatsächlich – hier gab es Tauwerk in allen Stärken und Farben.

Nach zehn Tagen vollem Einsatz stand das Rigg dann endgültig und die Eigner konnten sich auf eine neue Segelsaison freuen.

Nicht ohne Grenzen

Gerade hat Florian Krafft das Angebot abgegeben, einen 46 Fuß-Katamaran in Guatemala mit einem neuen Rigg auszurüsten. Bedenkt man, dass der Heimathafen des Kats auf der Atlantikseite liegt, der Flughafen jedoch am Pazifik, Mietautos durch entsprechende Kennzeichen als solche erkennbar sind und somit regelmäßig Ziel von Raubüberfällen werden, muss der Einsatz gut abgewogen sein. Lässt sich die Yacht nicht ins weitaus sicherere Costa Rica oder nach Panama verlegen, möchte er das Risiko einer solchen Aktion unter Umständen nicht eingehen.

„Glück ist, wenn man sich vor nichts fürchten muss“, sagt der kleine Bär auf der Suche nach Panama und hat damit sicher nicht ganz unrecht.