Spinnaker stressfrei bergen

IBN 08/14

 

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Als 1866 das erste spinnakerähnliche Gebilde, eher ein Ballonklüver aus Baumwolle und asymmetrisch, auf einer Yacht hoch ging, da staunte die Seglerwelt. Der „spin-maker“, also „Tourenmacher“, wurde später zum Spinnaker und ist damals wie heute ein Segel, das zumindest Arbeit macht und eine Crew auch bei leichtem Wind so gut beschäftigt, dass sie auf keine dummen Gedanken kommt. Die größte Herausforderung stellt dabei sicher das Bergen dar. Vor allem bei auffrischendem Wind und mit kleiner Mannschaft hat sich schon so mancher dieses Buntsegel zum Teufel gewünscht.

Die klassische Leeberge

DSC_2877Dabei scheint alles ganz einfach: Vor dem Bergen wird zunächst das Vorsegel gesetzt. Sowohl das Fall, als auch der Achterholer müssen so klariert werden, dass sich keine Kinken bilden können, die den Vorgang unnötig behindern. Vor allem bei Starkwind annähernd auf Vorwindkurs abfallen und Großsegel entsprechend öffnen. Segelt man zu zweit, das Spinnakerfall um die Winsch legen, Fallstopper öffnen und dem Steuermann übergeben. Den Achterholer fieren, bis der Spibaum am Vorstag anliegt, dann komplett lösen. Mit der Spinnakerschot das Segel dicht holen. Hinter das Großsegel gezogen, ist jetzt beinahe kein Druck mehr im Spinnaker. Die Schotecke, mit Hilfe des Barbers dichter an die Bordwand gebracht, wird ins Schiff gezogen und das flatternde Unterliek zusammengerafft. Während das Spifall gefiert wird, das Tuch mit straffen Lieken unter dem Großbaum hindurch herunterziehen und direkt in einen angehängten Sack in den Niedergang, oder unter dem Vorsegel hindurch ins Vorluk bergen. Wird das Fall schneller gefiert als das Tuch geborgen werden kann, besteht die Gefahr, dass der Spinnaker ins Wasser fällt, dem Vorschoter aus der Hand gerissen wird und sich im Wasser aufbläht. Schleppnetzfischen wirkt sich dabei ziemlich negativ auf die Performance aus. Den Spibaum abbauen, abtoppen und verstauen. Das Fall abhängen und sicherstellen, dass es nicht um das Vorstag vertörnt ist, da dies Probleme mit der Rollanlage verursachen könnte. Wird der Spinnaker nicht mehr gefahren, die Schoten abschlagen, zusammenhängen oder zusammenbinden, dichtholen und belegen oder mit einem Slipknoten vor den Spinnakerblöcken sichern, damit sie nicht im Wasser hängen.

 

In Luv bergen auch auf großen Yachten

DSC_2893Beim Bergen in Lee lässt sich das Segel meist problemlos in den Niedergang stopfen. Birgt man in Luv, kann das, zumindest auf großen Yachten, problematisch sein. Da der Spinnaker in Luv am Mast vorbeigezogen werden muss, könnte er in der Saling hängen bleiben. Alternativ müsste man ihn zwischen Mast und Unterwant hindurchziehen. Die Gefahr, dass das empfindliche Tuch Schaden nimmt, ist dabei zu groß. Besser ist es in diesem Fall entweder in einen an der Reling befestigten Spinnakersack oder ins Vorluk zu bergen. Zuerst wird der lästige Spibaum abgebaut. Wie beim Leebergen setzt man dann das Vorsegel, fällt wenn möglich ab und klariert Schot und Fall. Im Gegensatz zum Leemanöver wird diesmal die Schot gefiert und das Segel am Achterholer aufs Deck gezogen. Unterliek zusammenraffen und erst dann das Fall in Abstimmung mit der Bergegeschwindigkeit fieren.

Bei allen Spimanövern sollte man sich davor hüten auf den Spinnaker zu treten. Mehrere Lagen dieses Tuches übereinander sind rutschiger als Schmierseife und Fallrückzieher mögen am richtigen Ort unterhaltsam sein, gehören aber nicht zum Repertoire eines Seglers.

 Spinnaker klarieren

DSC_2811Um sicher zu gehen, dass bei erneutem Setzen alles glatt läuft, ist es empfehlenswert, den Spinnaker zu klarieren. Dafür an Kopf oder Schotecke beginnend, das gesamte Seitenliek zusammenraffen und beide Ecken festhalten. Das gleiche macht man mit dem anderen Seitenliek. Alle drei Ecken halten und den losen Teil des Spinnakers in den Sack stopfen. Zum Schluss die beiden Schotecken im Spinnakersack rechts und links fixieren. Den Kopf in der Mitte des Sacks. Sind keine Befestigungen vorgesehen, die drei Ecken mit einem Gurtband oder Bändsel zusammenbinden. Alleine funktioniert das nur bei kleinen Spinnakern. Bei fußballfeldgroßen Flächen geht es besser zu zweit. Einer rafft das Steuerbord- der andere das Backbordliek zusammen. Einer hält die Ecken und die gerafften Lieken fest, der andere stopft den losen Teil in den Sack. So ist beim erneuten Setzen gewährleistet, dass das Segel nicht vertwistet ist und als Eieruhr nach oben geht. Auch ein BH sieht, meist für andere, witzig aus, macht aber wenig Spaß beim Klarieren im Wind. Die Ecken liegen zudem bereit zum Anschlagen und zeitraubendes Suchen entfällt. Wird der Spinnaker für längere Zeit verstaut, muss er unbedingt vorher an der Luft getrocknet werden.

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Bergehilfe mit Trichter

Während routinierte Regattacrews diese Manöver regelmäßig trainieren und optimieren, machen Spinnaker, vor allem große Spinnaker, vielen Fahrtenseglern Angst. Betroffen sind dabei häufig Frauen. Während die Männer meist an der Pinne sitzen und Kommandos geben, quälen sich leidgeprüfte Mitseglerinnen mit gefühlt hopfenstangenlangen Spibäumen und Tuchflächen, die sich der Bändigung durch zarte Frauenhände bösartig entziehen. Schoten sausen unkontrolliert durch die Finger, manchmal gar der ganze Spinnaker, der wind- oder wassergefüllt durch die Hände rauscht und dabei großflächige Verbrennungen verursachen kann. Hilfe!

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Pfiffige Segler haben sich einst zur Vereinfachung dieses für manche unberechenbaren Vorgangs eine schlauchförmige Bergehilfe mit einem Trichter ausgedacht, der manchmal leider ein wenig einer Klobrille ähnelt. Doch Vorsicht: Wird der Spinnaker nicht korrekt in diesen Bergeschlauch eingezogen, die diversen Schoten und Leinen nicht sorgfältig sortiert und das Setzen und Bergen nicht ruhig und überlegt ausgeführt, kann die praktische Bergehilfe schnell zum Albtraum werden. Dabei ist eine Schoten–Niederholer-Topnant–Bergeleinen–Wuling das kleinste Missgeschick.

 Raketenschnell schoss einst beim Setzen auf einer Megayacht ein entfesselter Bergeschlauch mit seinem Trichter an einem 700 Quadratmeter großen Spinnaker hoch. Nachdem er die 45 Meter in heißen 2 Sekunden zurückgelegt hatte, stand der Spi in Flammen.

Eine Himmelfahrt der besonderen Art erlebten auch zwei durchtrainierte italienische Vorschiffsmänner auf einer Farr 70. Auch hier entwickelte der eigentlich hilfreiche Schlauch eine gefährliche und ganz und gar unerwünschte Eigendynamik. Beim hilflosen Versuch den hochschießenden Schlauch zu bremsen traten die beiden eine unfreiwillige Auffahrt an und hingen plötzlich, auf hoher See, oberhalb der ersten Saling. Nur das beherzte Eingreifen eines besonnenen Crewmitglieds verhinderte ihren Abflug. Er winschte sie zurück auf die Abschussrampe.

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Nicht alle Konstruktionen funktionieren reibungslos

Auch wenn der Segelmacher das Einziehen des Segels freundlicherweise bereits übernommen hat, sollte man sich mit dem Aufbau und der Idee des Schlauches vertraut machen um die Funktionsweise zu verstehen und um gute von eher schlechten Konstruktionen unterscheiden zu können.

Gute Bergeschläuche haben einen ovalen Trichter. Dies hat zwar keinen Einfluss auf die Funktionstüchtigkeit, erleichtert jedoch besonders bei großem Umfang das Stauen durch ein Luk. Um den Trichter leicht und reibungsarm über das Tuch gleiten zu lassen, sollte dieser aus Kunststoff sein. Tuchbespannte Konstruktionen mit Drahtring sind hier weniger geeignet, da sie zu viel Reibungswiderstand verursachen. Der Schlauch selber sollte luftdurchlässig sein, um das Abtrocknen des eventuell feucht geborgenen Spis zu gewährleisten. Das Wichtigste ist jedoch die Leinenführung. Von Produkten bei denen die Leinen lose im Schlauch laufen ist dringend abzuraten. Hat sich der Spi erst mal liebevoll um diese herumgeschlungen, ist das Chaos perfekt und das Messer manchmal die letzte Rettung. Erfahrene Hersteller ziehen die Bedienleinen in einem separat aufgenähten Tuchttunnel außer Verkehr. Entweder außen oder innen. Beides hat Vor- und Nachteile. Außen kann man ihn versehentlich einreißen, innen ist der Reibungswiderstand der Leinen höher, da der Innenraum mit Spituch ausgefüllt ist.

Die Bergeleine ist ein Rundlauf, der etwa zwei Meter länger ist als der Bergeschlauch. Das eine Ende ist mit einem Hahnepot am Trichter fixiert („Bergedreieck“), läuft zum Top, wird dort über einen Block geführt und unten wieder am Trichter befestigt. Zieht man jetzt an der losen Part, wird der Trichter hoch geholt. Zieht man an der Bergedreieck-Part, kommt der Trichter runter.

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Durch gute Vorbereitung Chaos vermeiden

Eine ordnungsgemäße Funktion dieses Hilfsmittels ist nur garantiert, wenn das bunte Segel geordnet eingezogen wird. Um einen störungsfreien Ablauf zu garantieren ist es bereits vor dem Einziehen wichtig, den Schlauch selber nicht zu vertörnen. Hilfreich ist dabei ein bei manchen Herstellern farblich abgesetzter Längsstreifen. Am Top des Schlauches befindet sich ein Ring, in den später das Spifall eingeschäkelt wird. Zum Einziehen des Segels hängt man den Schlauch an diesem Ring an einem Fixpunkt an, zieht ihn komplett auseinander und legt ihn so auf den Boden, dass er garantiert nicht verdreht ist. Liegt der bunte Streifen oben, dann ist bei manchen Herstellern das linke Ende des Befestigungshahnepots am Trichter rot, das rechte grün. Wir legen den Spinnaker auf dem Boden aus. Das grüne Liek rechts, das rote links. Während wir den Bergeschlauch mit Hilfe der losen Hochziehpart der Bergeleine vorsichtig wieder zusammengezogen haben, fassen wir mit einer Hand hinein und ziehen den Schäkel heraus, der an einem Strop, in der Länge des zusammengerafften Schlauchpakets befestigt ist. Hier hängen wir jetzt den Kopf des Spinnakers an. Wichtig: Der Spinnaker muss unter den Bergeleinen angeschlagen werden. Während man die beiden Lieken des Segels zusammen und straff hält, zieht man den Schlauch über das Tuch. Idealerweise endet der Schlauch etwa einen halben Meter vor den Schotecken. Diese befestigt man jetzt rechts und links am Trichter um später den Eieruhreffekt zu verhindern. Hierfür ist manchmal ein kleiner Karabiner vorgesehen. Wenn nicht, behilft man sich mit einem Bändsel. Das restliche Tuch hineinstopfen, die Wurst ohne zu verdrehen zusammenlegen, die Bergeleinen aufschießen und in den Sack packen.

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 Der Spi ist fertig zum Setzen

Hat man den Spibaum angeschlagen, Topnant und Niederholer angesetzt, kann die Spinnakerwurst befestigt werden. Diese liegt am besten halbiert mit Kopf zum Bug in Lee parallel zur Reling. Zusammen mit dem Fall, kann man das Ganze am oberen Relingsdraht anhängen, damit es nicht wegfliegt. Schlägt man jetzt Schot und Achterholer an, muss berücksichtigt werden, dass die Bergeleine bei hochgezogener Wurst zur Schiffsmitte, also nach Luv zeigt. Schot und Achterholer also drunter anschlagen. Es empfielt sich, dies in Ruhe, vielleicht auch im Hafen auszuprobieren, um unnötigen Verwicklungen und gruppendynamischen Ereignissen zur Unzeit vorzubeugen. Und – Routine gibt Sicherheit. Wenn alles klariert ist, das Berge-Ende auf der Bugklampe belegen. So wird verhindert, dass vor allem bei frischem Wind, der Spinnaker sich mit Luft füllt und der Trichter zu früh nach oben schießt. Zwar ist bei unseren vergleichsweise bescheidenen Bodenseebooten weder zu erwarten, dass der Spi schmilzt noch dass jemand nach oben gerissen wird, trotzdem ist es sinnvoll, einem drohenden Kontrollverlust vorzubeugen. Jetzt den Kopf mit dem Fall von der Reling lösen und die Wurst hochziehen. Die Schot etwas anholen. Der Achterholer bleibt dicht. Die Bedienleine zum Bremsen über die Klampe führen. Ist der Trichter oben, die Bergeleine auf der Bugklampe belegen. Der Spi steht.

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 Das Bergen geht fast von selbst

Fährt man das Manöver nicht einhand unter Autopilot, sollte der Steuermann ein wenig anluven, um Druck aus dem Segel zu lassen, später jedoch wieder abfallen, damit man während des Bergevorgans nicht mit dem Vorstag in Konflikt kommt. Die Schot ein wenig fieren und den Achterholer dicht nehmen. Schließlich möchte man die Wurst auch nicht hinter der Saling hängen haben. Die Bergeleine wieder zum Bremsen als „S“ über die Klampe legen. Mit einer Hand an der Niederholpart den Schlauch über den Spi ziehen, mit der anderen Hand die Lose über die Klampe dicht holen. Klemmt der Trichter auf dem auseinandergezogenen Spi, die Schot so weit wie nötig fieren. Ist der Trichter unten, die Bergeleine unbedingt auf der Klampe belegen, um zu verhindern, dass der Trichter wieder hoch saust. Die Schot abschäkeln und den Achterholer am Spi aushängen. Jetzt das Fall fieren und mit der Wurst unter dem Arm entlang der Reling nach hinten laufen, umkehren und wieder nach vorne. Der Spinnaker liegt wie zu Beginn sicher und parallel zur Reling. Das Fall mit dem Kopf wieder am Relingsdraht einhängen. Der Spibaum, der immer noch über drei Punkte fixiert ist und somit selbst bei stärkstem Wind und Wellengang nicht unkontrolliert umherschlagen kann, wird in aller Ruhe abgebaut und die Wurst in den Sack gesteckt.

Wie beim klassischen Bergen gibt es auch beim Bergen mit Schlauch verschiede Varianten. Hat man den Ablauf erst verinnerlicht, steht dem Experimentieren und der Suche nach eigenen Vorlieben nichts mehr im Wege.

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