Reffen Sie noch oder rollen Sie schon?

IBN 03/2014                        °°°

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Rollbaumsegel sind von normalen Segeln kaum zu unterscheiden.

„Das Patentreff ist ein deutliches Beispiel für die Fähigkeit der Werbung, Denkvorgänge vernebeln zu können. Es ist ein mechanischer, schlau durchdachter und schmucker Apparat – den deshalb die Segler auf der ganzen Welt fest an ihre Seemannsbrust drücken, und vermutlich sind die meisten Boote in dieser oder jener Form damit ausgerüstet.

Im Vergleich zur „herkömmlichen Reffmethode“ hat es zwei Vorteile – und zwar nur zwei. Es erfordert weniger Geschirr und sieht besser aus.“

Zu dieser vernichtenden Analyse technischer Neuerungen kam Frank Robb, ein Segler aus Kapstadt im Jahr 1969. In seinem Buch „Beaufort 10 was tun – Sturmfibel für Yachten“ formulierte er sein Misstrauen gegen das damals häufig eingesetzte Baumreffsystem, bei dem die Segelfläche, anders als beim Bindereff, durch Aufwickeln auf den Baum verkleinert wurde. Angetrieben wurde dieses System, auch Schnecken- oder Volksreff genannt, über eine Kurbel, mit der man den Baum über ein Zahnrad mit Sperrklinke oder ein Schneckengetriebe drehen konnte. Seine Kritik galt dem Umstand, dass das Reffen ein heftiges Gekurbel und ein langwieriger Vorgang war, der eine dicke Liektauwurst vorne und ein Faltendrama unten verursachte, das man mit eingerollten Handtüchern und Segelsäcken auszugleichen versuchte. Darüber hinaus, dass dieses System keinen Baumniederholer oder Kicker erlaubte, was den Baum ohne Baumstütze ins Cockpit sinken ließ. Zitat: „ Eine Baumschere ist ein Greuel; eines Tages wird sie einem die Finger abhacken und man verdient es nicht anders, wenn man eine an Bord hat.“

Zum Glück ist die Entwicklung trotz offensichtlicher Technikfeindlichkeit mancher Segler hier nicht stehen geblieben und das Patentreff findet man, vielleicht aus gutem Grund, nur noch vereinzelt auf kleinen Oldtimern traditionsbewusster Puristen.

Die Reffbändsel bändigen nur das überschüssige Tuch

Der Reffvorgang auf konventionell ausgerüsteten Schiffen ist uns bestens bekannt.

Entlang der Windkante aber immer noch unter Fahrt, fieren wir den Baumniederholer und die Großschot. Ein zweiter Segler muss nun zum Mast. Das Großfall um die Winsch legen, den Fallstopper öffnen und das Fall so weit fieren, bis dieser die Reffkausche in den Reffhaken am Lümmelbeschlag einhängen kann.

Erleichtert wird dies durch einen mit Gurtband durch die Öse befestigten Ring – so muss er nicht mit klammen Fingern die dicke Kausche in den Haken pfriemeln. Fallstopper schließen und Fall durchsetzen. Jetzt die Reffleine dichtholen um das Achterliek auf den Baum herunterzuziehen und das neue Unterliek zu strecken. Baumniederholer und Großschot trimmen, Fall aufschießen. Jetzt kann das Überschüssige Tuch mit Hilfe der Reffbändsel um den Baum gebunden werden.

Doch Vorsicht – die Reffgattchen sind mit wenig Verstärkung im Segel angebracht. Wird jetzt das Reff ausgeschüttet ohne diese vorher zu lösen, reißt das Segel entlang der Verstärkung. Verzichtet man auf die Reffbändsel, hängt unter Umständen zu viel Tuch im Cockpit. Hilfreich ist hier bereits ein Großsegelbergesystem. Mit durchgesetzten Lazyjackleinen fängt die Bergetasche das weggereffte Tuch auf.

Zwei Leinen erleichtern das Reffen

Möchte man diesen klassischen Vorgang ein wenig vereinfachen und etwas sicherer machen, bietet sich das Einrichten eines Zweileinenreffsystems an. Hier wird das Einhängen der Reffkausch am Vorliek durch das Dichtholen einer Leine ersetzt. Die Umbaumaßnahmen hierfür sind einfach: Die Leine für das Cunningham wird verlängert, so dass sie bis hoch zur Kausch des ersten Reffs reicht, durch eine auf Baumhöhe am Mast angebrachte Öse geführt. und am Ende mit einem Haken versehen. Die Reffleine für das Achterliek bleibt unverändert.

Vor dem Reffen wird die Leine aus dem Cunningham entfernt und in die Reffkausch eingehakt. Nach dem Fieren des Großfalls, wird diese dichtgeholt, das Vorliek auf den Baum gezogen und die Leine mit dem Fallstopper belegt. Danach folgt das Achterliek in gewohnter Weise. Die Öse verhindert, dass das Vorliek nach hinten gezogen wird und der Mastrutscher über dem Baum ausreißt. Wird die vordere Reffleine schon frühzeitig eingehakt, kann der eigentliche Reffvorgang bequem einhand aus dem Cockpit erfolgen.

Einleinenreffsysteme machen das Reffen sicherer

Der Einbau eines Einleinenreffs ist dagegen mit etwas größerem Aufwand verbunden. Hierfür wird ein Block unterhalb der hinteren Reffkausch, außen am Baum montiert. Eine Leine, an einem Ring oder durch eine zweite Öse an der hinteren Reffkausch befestigt, wird nach unten über diesen Block geführt und entweder außen oder innen im Baum nach vorne gebracht.

Eine zweite Leine, die an der Reffkausch im Vorliek befestigt ist, führt zum Baum hinunter und wird in die von hinten kommende Leine eingespleißt. Gemeinsam führen sie ins Cockpit. Wird jetzt nach dem Fieren des Großfalls an der Reffleine gezogen, bewegen sich Vorliek und Achterliek gleichzeitig nach unten auf den Baum. Damit nicht unnötig weit gefiert wird, empfiehlt sich für alle Reffs eine Markierung auf dem Großfall anzubringen.

Ein System, das nicht nachgerüstet werden kann und die Anschaffung eines neuen Großbaums erfordert, gibt es von Seldén.

Eine Leine, am Ring der Reffkausch am Vorliek befestigt, führt vorne in den Baum. Im Inneren des speziell geformten Baumprofils ist sie an einem senkrecht stehenden Schlitten fixiert. Dieser fährt auf Rollen den Baum entlang. Die Reffleine am Achterliek führt wie gewohnt an der Nock in den Baum, wird dort jedoch mit je einem Block am hinteren Ende des Schlittens und am Ende des Baumes umgelenkt, die Kraft dabei halbiert und erst dann nach vorne und ins Cockpit geführt. Holt man jetzt diese Leine dicht, wird Achterliek mit halber Kraft und Vorliek am Schlitten gleichzeitig nach unten gezogen. In beiden Fällen erfolgt das Reffen ausschließlich aus dem sicheren Cockpit.

„Hohlkammer-Großbäume“

Eine Weiterentwicklung des geschmähten Patentreffs stellt heute der Rollbaum dar. Da sich jetzt nicht mehr der komplette Baum sondern eine Stange im Inneren des Profils dreht, muss die Großschot nicht mehr wie früher an einem Schotwagen befestigt werden und die Montage eines Kickers ist nicht nur problemlos möglich sondern Voraussetzung für die störungsfreie Funktion.

Während Zwei- und Einleinenreffsysteme keinerlei Veränderungen am Großsegel erfordern, stellt die Investition in einen Rollbaum eine doppelte Herausforderung dar. Herkömmliche Großsegel können nicht zum Aufrollen auf einen Rollbaum umgearbeitet werden. Ein speziell dafür angefertigtes Segel ist deutlich flacher profiliert und wird mit einem Schaumstreifen im Unterliek ausgerüstet.

Wie bei einer guten Rollreffgenua hat diese Aufrollhilfe die Aufgabe, das Profil des Segels aufzufüllen um in gerefftem Zustand einen faltenfreien Stand zu gewährleisten. Die Segellatten sind parallel zum Baum eingearbeitet. Beim Aufrollen dienen sie als Reffmarkierung. Die Latte wird immer unter der Rollachse zum Liegen gebracht. Hier spreizt sie das Tuch und Faltenbildung im Segel wird verhindert. Die Achterlieksrundung ist beim Rollsegel, wie bei einem herkömmlichen Großtuch, nur durch das Achterstag begrenzt. Die Fläche ist daher identisch mit der eines herkömmlichen Fahrtengroßsegels.

Bei allen Rollbaumsystemen muss die Distanz zwischen Baumvorder- und Masthinterkante überbrückt werden. Dies geschieht entweder durch flexible Tuchstreifen, die sich nach oben verjüngen oder starre Metallstreifen. Diese Streifen werden in die Mastnut eingezogen oder an der Masthinterkante angeschraubt. Das Segel selber läuft in diesem Streifen mit einem dünnen Kederband. Um die Distanz zwischen Baum und Mast so gering wie möglich zu halten, wird die Leinenrolle entweder am Baumende eingebaut oder die Reffstange wird durch den Mast nach vorne geführt und die Leinenrolle vor den Mast gesetzt. Muss die Rollerleine vom Baumende auf das Kajütdach gelegt werden, ist durch das mehrmalige Umlenken mit erhöhtem Reibungsverlust zu rechnen. Reißt die Rollerleine oder versagt die Elektrowinsch, kann die Trommel mit einer Winschkurbel gedreht und das Segel problemlos eingeholt werden. Auch Elektromotoren zum Antrieb langer Reffstangen sollten nicht im Baumende sitzen. Durch ihr Gewicht können sie beim Halsen den Baum unnötig beschleunigen, was besonders bei Patenthalsen gefährlich werden kann. Bei großen Rollbäumen von Leisurefurl sind diese Motoren vorne in der Reffstange integriert.

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1990 – das erste Rollmastsegel sieht aus wie eine Sturmfock
1995 - Mit kurzen Latten kann das Achterliek bereits gerade geschnitten werden
1995 – Mit kurzen Latten kann das Achterliek bereits gerade geschnitten werden
Durchgehende Vertikallatten gewährleisten jetzt perfektes Profil beim Reffen
Durchgehende Vertikallatten gewährleisten jetzt perfektes Profil beim Reffen
2010 - noch mehr Fläche durch kurze Zwischenlatten
2010 – noch mehr Fläche durch kurze Zwischenlatten
2013 - ein Fatfurl mit Kopfbrett hat mehr Fläche als normale Segel
2013 – ein Fatfurl mit Kopfbrett hat mehr Fläche als normale Segel

Mit ein paar Tricks geht Aufrollen einfach

Zum Reffen oder Einrollen muss das Schiff so weit wie möglich in den Wind gesteuert werden. Mit etwas Druck auf der Genua und ein wenig Fahrt im Schiff gelingt dies auch bei Seegang. Da der Kicker mit Gasdruckfeder herstellerabhängig auf einen Winkel von etwas weniger als 90 Grad eingestellt ist, muss die Großschot, die den Baum eventuell nach unten zieht, vor dem Reffen oder Aufrollen aufgefiert sein. Wird dies nicht berücksichtigt und beträgt der Winkel zwischen Großbaum und Mast mehr als 90 Grad, läuft das Vorliek nach vorne und blockiert den Rollvorgang. Dies passiert auch, wenn noch Druck auf dem Segel ist.

Großfall und Rollerleine sollten auf dem Kajütdach idealer weise nebeneinander liegen. Hält man beide in den Händen, kann man das Segel unter etwas Spannung aufrollen. Da die Baumprofile aus Gewichts- und Optikgründen so klein wie möglich gehalten werden, besteht die Gefahr, dass ein zu lose aufgerolltes Segel nicht ausreichend Platz darin findet.

Bequemlichkeit hat ihren Preis

Das Tuch ist in gerefftem Zustand im Rollbaum verstaut und verstopft nicht das Cockpit. Außer einer schmalen Abdeckung für die Baumnut ist kein weiterer Schutz des Großsegels nötig. Da das Tuch aufgerollt, nicht geknickt und perfekt vor UV-Strahlung geschützt ist, verlängert sich die Lebensdauer speziell bei hochwertigen Membransegeln. Baumpersenning und Bergesystem werden überflüssig. Technische Störungen beim Reffen oder Aufrollen spielen sich in Mannshöhe ab. Zur Not kann das Großsegel herkömmlich geborgen und aufgetucht werden.

Durch den nicht unerheblichen Rollwiderstand der Welle im Baum ist beim Setzen des Segels ein erhöhter Kraftaufwand nötig, der unter Umständen die Installation eines halbierten Großfalls oder einer Elektrowinsch erfordert. Zudem sind die Kosten für einen Rollbaum mit Segel nicht unerheblich. Bei Unterliekslängen bis 4 Meter ist der Mainstar von Elvström Sails eine gute und preisgünstige Lösung. Über 4 Meter kommen aus Gründen der Stabilität nur noch hochpreisige Produkte wie z. B. der Leisurefurl oder Furlerboom zum Einsatz.

Patentreff mit Schotwagen – das Segel wird zum Reffen um den Baum gewickelt
Patentreff mit Schotwagen – das Segel wird zum Reffen um den Baum gewickelt

Vertikales Rollen

Geifernde Missfallenskundgebungen wie „iiiiiiiihhhhhhhh, Seniorensailing – habt ihr auch Bugstrahl?“, finden sich interessanter weise auch heute noch, wenn es um moderne Hilfsmittel geht, die den nicht ungefährlichen Reffvorgang erleichtern sollen. Dieser stellvertretende Beitrag aus einem Segler-Forum zum Thema Rollmast, dürfte ausreichend polarisieren um den Clubstammtisch in zwei Lager zu spalten.

Die ursprüngliche Idee, und bis heute die einfachste und kostengünstigste Methode den Mast zum Rollen zu bringen, ist ein extern an die Masthinterkante aufgenietetes Rollsystem, wie die Rullaranda von Bamar. Abhängig von der Unterliekslänge gibt es diese Rollkammer mit verschiedenen Durchmessern und, laut Hersteller, bis zu einer Vorliekslänge von 30 und einer Unterliekslänge von 10 Metern. Je nach Größe wiegt dieser Zusatz zwischen 2 und 7 Kilogramm pro Meter. Die Rollerleine läuft über eine Schneckenschraube um eine allfällige Wuhling zu verhindern.

Lange Zeit waren in erster Linie Charterschiffe mit den daraus entwickelten Rollmasten ausgerüstet, um auch wenig erfahrenen Crews familienfreundliches und gefahrloses Reffen und Segelbergen zu ermöglichen. Nicht die maximale Segelfläche für optimalen Speed standen im Vordergrund sondern Schutz von Chartergästen und Schonung des Materials. Zum Reffen wird der Niederholer etwas angesetzt um Spannung auf das Achterliek zu bringen. Den Unterliekstrecker so weit fieren wie man reffen möchte. Mit dem Fallstopper wieder festsetzen. Mit der Steuerbordpart der Endlosrollerleine Segel aufrollen bis das Unterliek gestreckt ist. Die Stopper schließen. Zum Ausreffen mit leichter Spannung auf dem Achterliek beide Stopper der Rollerleine öffnen und am Unterliekstrecker das Segel aus dem Mast ziehen. Beim Aufrollen bei leichtem oder raumem Wind, den Unterliekstrecker etwas auf Spannung halten, damit das Segel nicht zu locker rollt.

Zu Anfang ließ die Segelfläche zu wünschen übrig

Die ersten Rollmasten ließen keine Segellatten zu. Das Großsegel hatte den Schnitt einer Sturmfock, extrem hohl geschnitten im Achterliek, damit ohne Latten ein einigermaßen akzeptabler Stand des Segels gewährleistet werden konnte. Die Segelfläche war gegenüber einem herkömmlichen Lattengroß um 25 Prozent kleiner. In gerefftem Zustand bildeten sich meist vertikale Falten im Achterliek, die beim Aufrollen hineingebügelt wurden und das Segel mit der Zeit wie einen Plissee-Rock aussehen ließen. Was bei Schietwetter auf der Ostsee oder bei Mistral im Mittelmeer beim durchschnittlichen Fahrtensegler keine Rolle spielte, war ein totales No-Go für alle Regatta- und Binnensegler.

Ohne pfiffige Mastenbauer und ausgeschlafene Segelmacher, wäre das wohl heute noch so. Sie experimentierten schon bald mit horizontalen Rollerbatten, Latten die aus 2 Bimetallstreifen in einer Textilhülle bestehen und die sich aufrollen lassen. Da sich diese in der Mastnut verkeilen konnten, wurde bald wieder darauf verzichtet und diese durch kurze vertikale Latten ersetzt.

Der Mastenbauer Seldén optimierte seinerseits im Laufe der Jahre die Rollmasten erheblich. Fallen, Kabel und die Rollmechanik sind heute in separaten Kammern streng von einander getrennt um zu verhindern, dass sich unselig vereint, was sich besser nicht in die Quere gekommen wäre. Eine asymmetrische Mastnut ermöglicht reibungsarmes Einrollen. Da die Achse gegen den Uhrzeigersinn aufrollt, ist die Nut nach Steuerbord versetzt und an der Steuerbordkante besonders gerundet. Geht man auf Steuerbordbug, sind die Voraussetzungen zum Rollen optimal. Der entscheidende Schritt für die Weiterentwicklung der Segel war jedoch die technische Möglichkeit die Reffstange im Mast auf Spannung zu bringen. Vor ungefähr 15 Jahren baute Elvström Sails erstmals durchgehende vertikale Rundlatten in die Segel und vergrößerte durch die Möglichkeit das Achterliek zu überrunden die Fläche bereits um 15 Prozent gegenüber dem herkömmlichen Rollgroßsegel. Die durchgehenden Latten bieten auch beim Reffen einen entscheidenden Vorteil. Wie beim Rollbaum werden die Latten als Reffmarkierung genutzt. Liegt die Latte auf der Stange, können sich unter Last keine Falten in das Tuch ziehen, wie es bei herkömmlichen Rollsegeln der Fall ist. 5 Jahre später kamen kurze vertikale Latten dazwischen, die weitere 5 Prozent an Flächenzuwachs brachten. Diese Segel werden jedoch nur noch als Membransegel gebaut, da gewebtes Tuch durch die starke Überrundung zwischen den Latten dehnen würde. Im Mast aufgerollt sind diese hochwertigen Tuche gegen Knicken und UV-Strahlung geschützt, was ihre Lebensdauer gegenüber Lattengroßsegeln, die auf dem Baum aufgetucht werden müssen, erheblich verlängert.

Der Leisurefurl-Baum – technische Perfektion in edlem Design
Der Leisurefurl-Baum – technische Perfektion in edlem Design

Sturmfockartige Großsegel gehören der Vergangenheit an

Aber immer noch waren Rollgroßsegel kleiner als normale. Ein Rollgroßsegel ist dreieckig, läuft am Kopf spitz zu wie eine Genua, hat also kein Kopfbrett. Mit einer Schlaufe wird es an einen Schlitten angehängt, der auf der Reffstange im Mast läuft. Wie bei einer Rollreffgenua ist das Segel zwangsläufig um die Länge dieses Schlittens kürzer als die eigentliche Vorliekslänge. Da sich die Stange in der Mitte der Tuchkammer des Mastes befindet, rutscht jetzt die Spitze des Dreiecks auch noch beinahe 15 Zentimeter in den Mast hinein. Zwei Umstände, die ein Rollgroßsegel immer aussehen lassen, als wäre das Vorliek viel zu kurz. Das ließ dem Entwicklungsteam der Segelmacher keine Ruhe. Warum sollte man kein Rollgroßsegel mit Kopfbrett bauen können? Mit einer am Kopf schräg gestellten Latte, ähnlich wie beim Fathead eines Racers und einem ganz speziellen Material in der Kopfverstärkung, wurde 2012 das erste Fatfurl Segel laminiert. Mit einer Kopfbreite von 35 Zentimetern, von denen gute 20 Zentimeter sichtbar bleiben, sieht es jetzt aus wie ein richtiges Segel. Während die Fläche herkömmlicher Lattengroßsegel durch das Achterstag begrenzt sind, stellt sich beim Segeln mit dem neuen Fatfurl Erstaunliches heraus: Auch wenn das Großsegel das Achterstag um ganze 30 Zentimeter überlappt, bleibt es beim Schiften nie hängen. Die vertikalen Latten verhalten sich hier völlig anders als horizontale. Zum Schutz gegen Schamfilen am Achterliek genügen Kunststoffrollen, wie sie üblicherweise auf der Reling und den Wanten Verwendung zum Schutz der Genua finden. Mit der Entwicklung des Fatfurl ist es jetzt gelungen, die Segelfläche um 28 Prozent größer als bei ungelatteten Rollgroßsegeln zu zaubern. Somit ist dieses moderne Rollgroßsegel sogar drei Prozent größer als ein normales Lattengroß.

Technische Voraussetzungen

Voraussetzung für das Fatfurl-Groß, wie für alle anderen Segel mit durchgehenden Vertikallatten, ist der richtige Mast. Nur solche Fabrikate, die eine Nutweite von mindestens 15 Millimeter haben und deren Rollstange auf Spannung gebracht werden kann, garantieren eine störungsfreie Funktion. Ist die Mastnut zu eng, können sich die Klettverschlüsse der Latten verklemmen. Ist die Stange nicht gespannt, biegt sich diese bei Zug nach hinten, das aufgerollte Segel wird gegen die Nut gepresst und nichts geht mehr.

Eigner älterer Rollmasten sollten daher nach wie vor Segeln ohne oder mit kurzen Latten den Vorzug geben. Auch auf Charteryachten in Starkwindrevieren dürften diese weiterhin ihre Berechtigung haben. Für den ehrgeizigen Regatta- oder Binnensegler stellt das Fatfurl jedoch eine Kombination aus Leistung und Komfort dar.

Nichts ist perfekt

Durch die Möglichkeit mit normaler Fläche zu segeln, ist eines der Hauptargumente gegen den Rollmast widerlegt. Dem Vorurteil, dass das Topgewicht deutlich höher sei, wird durch Angaben des Mastenbauers Seldén widersprochen. Das Gewicht des Rollmastes übersteigt das eines herkömmlichen Masts angeblich nur um acht Prozent. Kein Problem, wenn man davon ausgeht, dass Rollmasten in aller Regel auf großen steifen Fahrtenyachten stehen. Selbst die Kosten für einen Rollmast liegen unter denen für einen hochwertigen stabilen Rollbaum.

Negativ bleibt bei diesen Masten, dass sie mit Rücksicht auf die Funktion der Reffstange nicht gekrümmt werden dürfen.Für alle leistungsorientierten Trimmfreaks, die Auftuchen und traditionelles Reffen nicht scheuen, wird daher ein durchgelattetes Großsegel mit Bergesystem und Rollenrutschern nach wie vor erste Wahl sein.

Die Zeiten ändern sich

Im 11. Kapitel seines Buches „Beaufort 10 was tun“ führt Frank Robb als dringend erforderlichen Ausrüstungsgegenstand für alle Schwerwettersegler folgendes an:

„Öl, je zähflüssiger desto besser. Altöl reicht aus.

Der Nutzeffekt selbst einer kleinen Menge Öl bei grober See ist ganz außergewöhnlich. Eine halbe Gallone (2 ¼ Liter) SAE 50 Öl, die sich über mehrere 100 Quadratmeter Wasser verteilt, wird dabei zu einem Film auseinandergezogen, der sich wohl nur in Tausendstel Millimeter ausdrücken ließe. Doch besänftigt diese irisierende Schicht ankommende Brecher und nimmt ihnen jede Gewalt.“

So ändern sich die Zeiten. Als „vernebelten Denkvorgang“ würde man heute definitiv diesen rücksichtslosen Umgang mit der Umwelt bezeichnen. Technische Hilfsmittel beim Reffen haben sich dagegen längst durchgesetzt, auch wenn sie nicht unbedingt den Geschmack aller Segler treffen.