An Bord der „Bayern“ – es läuft nur, wenn alle Rädchen ineinander greifen

IBN 07/14

Als ich ankomme, staune ich nicht schlecht – unser Kapitän Max Kohlhund hat die Bayern zum Cabrio gemacht. Das Skylight wird gerade vom Deck genommen und auf den Steg gestellt. 

Also Stehhöhe für alle im alten Achter. Und wenn es regnet? Macht nichts, die Pumpe geht gut. Die wasserdichten Segeltaschen werden auf Backbord hinter Leesegeln verkeilt, die auf Steuerbord festgebunden. Um achtzehn Uhr laufen wir aus, im Schlepp hinter einer modernen Yacht mit Motor. Das ist bei dem Durcheinander sicherer und schneller als Segeln. Und dass er es auch ohne kann, hat Max in den letzten zwanzig Jahren, die er die Bayern steuert, schon hundert Mal bewiesen. Der Wind, flau aus Süden, verspricht auch nicht gerade flottes Vorankommen zur Startlinie. Noch im Schlepp wird das Großsegel gesetzt. Fallwinschen – Fehlanzeige. Mit Muskelkraft richtiger Männer werden Piek- und Klaufall durchgesetzt, bis 70 Quadratmeter Großsegel halbwegs faltenfrei Druck entwickeln. Statt Fallstoppern gibt es Belegnägel. Einer hält das Fall fest, der andere wickelt es rum. Hier geht alles nur in Teamarbeit. Dann nabeln wir uns vom Schleppschiff ab. Nach dem Anschlagen der Stagfock wird der Ballonklüver gesetzt. Eine riesige, vortriebstarke Genua. Und, um die Lücke zwischen Masttop und Gaffel zu schließen, das Topsegel. Zwei lange schlanke Spieren mit einem dreieckigen Segel dazwischen, werden in Luv, mit Topfall und Topschot verbunden und unter dem Backstag hindurchgezogen, bis es an der richtigen Stelle sitzt und weit über das Masttop hinaus die Segelfläche vergrößert. Die Flaute kann kommen, wir sind gerüstet. Eine Bavaria, die unter dem „Stern“ segelt, probiert während dessen unter Motor, wie weit man die Bayern hochdrücken kann, bis der Kapitän laut wird.

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DSC_2596Die Startlinie wird durch die Hohentwiel in zwei Hälften geteilt. Im nördlichen Abschnitt starten die Mehrrumpf- und Trapezboote, im Süden der Rest. „Wir hatten heute noch keinen Portwein, drehen das Boot jetzt aber trotzdem rum“, sagt Max und wendet um 19 Uhr 20 zur Startlinie. „Jetzt fangen wir langsam an, die Segel so einzustellen, dass wir fahren“, lautet das Kommando. „Meine Sanduhr ist verstopft“, merkt der Taktiker an. 19 Uhr 27, wir nähern uns der Startlinie. “Sieht eigentlich einer das Startschiff?“ „Max, such dir ’ne Lücke! Zwei Minuten noch, mein Kapitän!“ Wir rollen das Feld von hinten auf. Vorne stehen alle nur rum. Noch 40 Sekunden. „Wir sind zu schnell!“ „Nein, ich hab mich fürs Zufahren entschieden. Irgend einer hat mal gesagt, der Start sei das Wichtigste.“ Schuß! –  ist keiner zu hören aber die „Hohentwiel“ hupt und eine Leuchtrakete steigt auf. Perfekter Start. Nach kurzer Zeit wird es noch flauer und ein Blick nach hinten lässt unseren gefühlten Vorsprung wieder zusammenschrumpfen. Selbst manche Mehrrümpfer kommen noch nicht richtig in Fahrt. Aber Rasmus hat trotz fehlenden Portweins gute Laune und beschleunigt uns wieder ein wenig, so dass die Stimmung bald Partyniveau erreicht.

 

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DSC_2582-2Zwei junge Damen packen schon mal das Vesper aus. Kartoffelchips, Gummibärchen, Salzbrezeln und Kuchen, belegte Brötchen und Landjäger werden gereicht. Unter dessen passieren wir um 20 Uhr 30 Wasserburg und die Himmelsbeleuchtung passt sich der ausgelassenen Stimmung an. Ich habe Bauchweh vom Lachen. Da zieht doch tatsächlich unsere Konkurrentin, die „Edit“, der Achter gleichen Baujahrs, einen riesigen Gennaker hoch und schrubbt an uns vorbei. Die Stimmung droht zu kippen.

Inzwischen hat auch der Wind auf Nordnordost gedreht, wird frischer und wir ziehen mal sicherheitshalber die Fleece – Unterwäsche an und stülpen uns die Skimützen über den Kopf. Der Wind legt noch etwas zu und wir pflügen mit annähernd Rumpfgeschwindigkeit um 21 Uhr an Kressbronn vorbei. Der Sonnenuntergang ist einmalig. Die Sonne taucht aus der Wolkendecke auf und färbt den Himmelsstreifen zwischen den dunkelblauen Wolken und dem graublauen Wasser zunächst rosa, dann glutrot, bevor sie sich für die nächsten acht Stunden verabschiedet. Die Beleuchtung der Regattabahn überlässt sie derweilen dem Mond, der, nur so groß wie ein Melonenschnitz, sich zwar alle Mühe gibt, aber trotzdem so manches im Dunkeln lässt. Vorschriftsmäßig ziehen wir uns die Schwimmweste mit dem Blinklicht an und um 22 Uhr sind wir bereits kurz vor Romanshorn. Der Wind hat weiter zugenommen, die Party ist bei Böen mit vier Beaufort vorüber und hat ernsthaftem Segeln Platz gemacht. Beim Ballonklüver- Schiften sind inzwischen vier Segler im Einsatz. Einer löst die Schot von der Klampe, einer hängt die Schot um, einer holt sie dicht, der andere zieht die Schot über die Klampe nach und belegt sie. Hier hilft keine Winsch. Und schon gar keine selbstholende mit mehreren Gängen und mit Kurbel. Bayern II ist Jahrgang 1911 und es wird gesegelt wie 1911. Auch wenn man dabei von einem anderen alten Achter, hochgerüstet mit Elektrowinschen und Gennaker, überholt wird. So viel Tradition muss sein.

Noch 20 Minuten bis zur Tonne Romanshorn. Danach müssen wir höher an den Wind Richtung Eichhorn. Höchste Zeit, die Besegelung zu ändern. Der Ballon muss weg, dafür kommt der Klüver drauf und das Stagsegel wird hochgezogen. Und eigentlich müsste das Topsegel runter. Aber das geht jetzt nicht mehr. Dafür ist der Wind bereits zu stark. Also stellen wir uns mal gleich auf ordentlich Lage ein, die auf der Kante sicher keinen einschlafen lässt. An der Tonne scheint sich das ganze Regattafeld zu treffen, es herrscht ein rechtes Gewühle und so mancher kämpft auch mit der modernen Technik. Ein 75er taucht aus der Dunkelheit auf um gleich darauf wieder zu verschwinden. Zum Glück haben wir die Segel bereits gewechselt und wie schon am Start, wünscht sich Max eine Lücke und bekommt sie. Während laut Live-Ticker vor „Edit“ „der Hut nicht hoch genug gezogen werden kann“ rundet die Bayern die Tonne und zieht hoch. Zu dritt schiften wir in den Wenden Stagfock und Klüver. Zwei ziehen an der Großschot, einer am Backstag. Ein Mann ist immer auf dem Vorschiff. Durch unruhiges Wasser arbeiten wir uns die nächsten zwei Stunden Richtung Konstanz vor. Das Sitzen auf der Kante wird durch häufigen Stellungswechsel erträglich. So drückt abwechselnd mal die Fußleiste und mal der Spibaum oder eine Klampe auf die Sitzbeinhöcker. Aber man läuft zumindest, wie erwartet auf diesem Fakirsitz, nicht Gefahr einzuschlafen. Wir haben manchmal so viel Krängung, dass das Wasser auch mal ins Cabrio läuft und Taschen und Segelsäcke wässert.

0.30 passieren wir die Tonne Eichhorn und nehmen Kurs auf Überlingen. Wie so oft im Überlinger See ist der Wind böig und verdreht. Nachdem wir um ein Uhr an der Überlinger Tonne gewendet und den Klüver wieder gegen den Ballon getauscht haben, schläft, auch typisch, der Wind ein. Wir trinken Tee und Kaffee, holen noch ein paar Brote raus und kriechen um zwei Uhr am hell erleuchteten Schloss der Insel Mainau vorbei. Ob die das Licht wohl für uns angelassen haben? Zwanzig Minuten später passieren wir Meersburg und Max steuert weiter zur Seemitte. „Da fahr’ ich nicht rein.“ Hier draußen nimmt der Wind spürbar zu, ist frei und weniger böig und wir segeln mit Rumpfgeschwindigkeit am Feld vorbei, das sich für den deutlich langsameren Kurs unter Land entschieden hat. Moderne Technik ist eben doch nicht alles. Der Mond beleuchtet uns den Heimweg und, tschüß „Edit“!

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Als wir um fünf Uhr die Argenmündung passieren, die zu dieser Uhrzeit zum Glück noch keine Bootslawinen aus den beiden Backentaschen spuckt, stellt wie verhext der Wind ab. Schade, wir hatten uns zu früh auf Weißwürste gefreut. Dafür haben wir die „Go On“ abgehängt. Der See ist plötzlich spiegelglatt und reflektiert die Farben der uns umgebenden Buntsegel. Rosa Wölkchen dekorieren dazu den blassblauen Himmel. Hübsch anzuschauen aber wir wollen jetzt heim. Zehn Minuten vor sechs passieren wir Wasserburg und plötzlich zieht der Wind unter Land wieder an. Bevor alle einschlafen lassen wir das Glockenschlagwerk vor Lindau an Backbord und überqueren müde aber glücklich die Ziellinie um 6.37 Uhr als 129. Boot insgesamt, als 58. Boot für die Wertung zum „Blauen Band“ und als erster Achter. Ein tolles Ergebnis für Technik von 1911. Das ist traditionelle Seemannschaft, bei der das Getriebe läuft, wenn alle Rädchen ineinander greifen. Die Bayern ist keine Plattform für Einzelkämpfer und bleibt hoffentlich in diesem Sinne auch für die Jugendausbildung noch lange erhalten. Als alles abgeschlagen, aufgeschossen, abgedeckt und aufgeräumt ist, werden wir zum Frühstück im Cockpit mit einem ganzen Tablett voll Bier versorgt. Zusammen mit dem restlichen Proviant, das vorausschauend locker bis zum Abend gereicht hätte, kommt wieder etwas Leben zurück. Alle sind sich einig: Das war der perfekte Rundum-Genuss. Für uns, weil es unter optimalen Bedingungen schnell ging, für alle anderen, weil ihnen noch ein sonniger Segel-Samstag bevor steht. Und jetzt geht die „Bayern“-Crew erst mal schlafen, bevor das Fußballspiel Deutschland-Ghana beginnt.

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