Einrollen statt einfangen

IBN 09/14

DSC_1671-2
Zum Bergen Halsleine und Schot fieren und Unterliek zusammenraffen

 

 

 

 

Rauschefahrt auf Raumschotkurs – ein Traum, den zumindest Piloten leichter Sportboote mit Hilfe eines Gennakers und ein wenig Übung verwirklichen können. Aber auch wer eine Fahrtenyacht unter dem Motto „vor dem Winde frisch und froh, segelt selbst ein Bündel Stroh“ bewegt und noch nie vom Zauberwort „Velocity Made Good“ gehört hat, kann mit einem Gennaker viel Spaß haben. Dank fehlendem Spinnakerbaum, einfacherer Handhabung, dem entscheidenden Gewusst-wie oder Dank genialer technischer Hilfsmittel.

 
Gennaker bergen ist ähnlich wie Spi bergen
DSC_1673
Ist das Unterliek unter Kontrolle, wird das Fall gefiert und das Segel in den Niedergang geborgen

Fährt man den Gennaker an einem Bugspriet, um ihn aus der Abdeckung des Großsegels zu bringen und enger schoten zu können, so wird er mit einer Halsleine nach vorne gezogen. Birgt man den Gennaker in Lee, so setzt man zunächst das Vorsegel und fällt, so fern möglich, ein wenig ab, um Druck abzubauen. Man fiert nun die Halsleine und zieht die Schotecke an der Luvschot ins Boot. Unterliek zusammenraffen. Erst jetzt wird das Fall gefiert und das Segel kann ins Luk oder den Sack gestopft werden.

Hat man bei viel Wind Angst, dass das Unterliek davonfliegt, geht man wie folgt vor: Abfallen, bis der Gennaker in der Abdeckung des Großsegels ist. Schot dichtholen, so dass das Unterliek gestreckt ist. Fall fieren und das Schothorn mit der Luvschot heranziehen. Gennaker am Achterliek herunterziehen und in den Sack stopfen. Erst dann die Halsleine und die Schot fieren.

Beim Bergen in Luv wird das Unterliek nach Lösen der Halsleine ins Luv der zuvor gesetzten Genua gezogen, die Schot gefiert und so das Unterliek zusammengerafft. Fall fieren wie zuvor beschrieben.

Das Bugspriet kann dabei nach oder während des Bergemanövers eingefahren werden, sofern die Klassenvorschrift das Aufspießen des Gegners auf der Kreuz ausdrücklich verbietet.

 Auch mit Schlauch

Große Gennaker lassen sich wie Spinnaker ebenfalls mit einem Bergeschlauch bändigen. Idealerweise ist der Schlauch für einen Gennaker kürzer, als der für den Spinnaker, da das Schothorn, anders als beim symmetrischen Vorwindsegel, höher sitzt und herausschauen soll. Beim Einziehen in den Schlauch geht man vor, wie in Heft 08/2014 beim Spinnaker beschrieben. Liegen die Bergeleinen oben auf und ziehen Sie den Gennaker mit dem Hals rechts und der Schotecke links ein, muss die Wurst auf Backbord gesetzt werden. Zu berücksichtigen ist jetzt, dass das Segel nur auf der Seite gesetzt werden kann, auf der es zuletzt geborgen wurde. Beachten Sie dies nicht, befinden sich die Bergeleinen, die, angeschlagen zur Schiffsmitte zeigen müssen, auf der falschen Seite und Sie erleben garantiert ihr blaues Wuhling-Wunder.

Zum Bergen abfallen. Luvt man an, kann es sein, dass sich alles hinter der Saling verhakt. Halsleine und Schot kontrolliert fieren und wie beim Spi den Trichter mit der über die Klampe geführten Bergeleine herunterziehen. Bergeleine belegen, Fall langsam fieren und die Wurst schlangenartig in den Sack packen. Zum Schluß den Trichter oben drauf, Schot-, Halsecke und Kopf am Sack befestigen, Bergeleine aufschießen – fertig.

Wem das alles noch zu umständlich ist, wer vermeiden möchte, dass ein Vorschoter oder eine Vorschoterin aufs Vorschiff muss, wem es nicht auf das Maximum an Fläche ankommt und wem Cruising-Komfort wichtiger als Regatta-Ehrgeiz ist, dem sei ein Rollgennaker empfohlen.

Rollen mit eingebautem Torsionstau

DSC_2702

Die ersten funktionstüchtigen Rollgennaker mit Endlosroller unten und Wirbel oben, wurden mit einem Doppeldraht im Vorliek ausgerüstet. In einem festen Tuchschlauch am Vorliek wurden die beiden Drähte, damit sie sich nicht umeinander schlingen konnten, durch ein dazwischen aufgenähtes Gurtband von einander getrennt. Die beiden Drahtenden oben und unten wurden an sogenannte „Dreiecksscheiben“ befestigt. An die Dreiecksspitze unten kam dann der Endlosroller, an der Dreiecksspitze oben, der Wirbel. Beim Einrollen sollte so vermieden werden, dass sich die Drähte nur um sich selbst drehten, während das Segel stehen blieb, wie das zuvor mit einem einzelnen Draht immer der Fall war.

Obwohl dieses System jahrelang eingesetzt wurde, war die Funktion nicht zu hundert Prozent überzeugend. Im Laufe der Zeit faltete sich der Vorliekstreifen zusammen und die Drähte hatten trotz Dreieckscheibe die unvermeidbare Tendenz sich umeinander zu schlingen. Sehr zu ungunsten der Rolleffizienz. Die Tauwerkindustrie fertigte daraufhin sogenannte Antitorsionstaue, verwindungssteifes Tauwerk, das sich kaum um sich selbst drehen kann und beinahe wie eine Stange die Drehung des Rollers überträgt. In Längsrichtung ist es jedoch nach wie vor so flexibel, dass das, aufgerollt geborgene Segel in einen Sack verstaut werden kann. Das Aufrollen geht dank direkterer Kraftübertragung schneller und das Austauschen zusammen- oder auseinandergezwirbelter Drähte entfällt.

DSC_2713

Der Anschluss an Wirbel und Roller erfolgt mit Hilfe eines getakelten Auges im Tauwerk. Um die Vorliekspannung des empfindlichen Spinnakernylons auf dem Torsionstau perfekt einstellen zu können, kann das Segel mit einem Stropp am Hals straffer oder loser getrimmt werden. Die Spannung sollte nur so hoch sein, dass das Vorliek faltenfrei auf dem Tauwerk liegt. Bei zu hoher Spannung wird sofort das Tuch im Vorlieksbereich überdehnt, was an einer Längsfalte, die vom Top zum Hals direkt hinter dem Torsionstau verläuft, erkennbar ist. Bei zu wenig Spannung steht das Segel nicht schön und rollt faltig auf.

Um dieses Segel rollen zu können muss es, anders als ein herkömmlicher Gennaker, vorne nahezu gerade und im Profil weniger bauchig geschnitten werden. Die Segelfläche wird dadurch im Vergleich etwas kleiner und der Einsatzbereich verschiebt sich etwas höher an den Wind. Ein Nachrüsten herkömmlicher Gennaker ist daher nur bedingt, oftmals gar nicht möglich.

Unbeschwerte Gennakermanöver

DSC_2719Während man auf raumem Kurs das Fall etwas fieren kann um das Segel bauchiger zu trimmen, muss es vor dem Aufrollen unbedingt straff durchgesetzt werden. Nur so ist eine einwandfreie Funktion des Rollsystems gewährleistet. Die korrekte Länge des Torsionstaus ist daher entscheidend und sollte vom Segelmacher gemessen werden. Die Dehnung des Tauwerks wird vom Hersteller mit ca. 1,5 Prozent angegeben und ist dabei zu berücksichtigen. Das Segel mit Rollsystem, am Bug entweder an einem Spriet, an einem Auge am Ankerbeschlag oder am Einstiegsbrett befestigt, wird mit dem Topwirbel am Spifall angeschlagen und aufgerollt gesetzt. Zum Bergen die Schot fieren und mit Hilfe der Rollerleine, die nach hinten ins Cockpit oder aufs Kajütdach verlegt wurde, aufrollen. Möchte man nicht Halsen und das Segel auf dem neuen Bug wieder ausrollen, sondern auf Amwindkurs gehen, muss das aufgerollte Segel abgeschlagen werden. Dazu den Endlosroller abbauen, in den Sack legen, das Fall langsam fieren und das gerollte Segel einpacken. Schoten und zum Schluss das Fall abschlagen. Bleibt das Segel angeschlagen, besteht besonders bei auffrischendem Wind die Gefahr, dass es vorne unruhig schlägt, oder schlimmer, dass sich der Wind im lose aufgerollten Topbereich fängt und das Segel aufrollt oder zerstört. Da hier bei kleineren Flächen von unten nach oben gerollt wird, bleibt der obere Teil des Segels oftmals lose und bietet eine ideale Angriffsfläche. Liegt das Boot im Hafen, darf niemals der Rollgennaker angeschlagen bleiben. Er könnte bei Sturm zerfetzt werden oder das empfindliche Spinnakertuch löst sich durch UV-Strahlung in kürzester Zeit auf.

DSC_2720
Zum Verstauen Roller abbauen
DSC_2700
Kompakt gepackt – Rollgennaker fertig zum Setzen

 

 

 

 

 

 

 

 

 Aufrollen herkömmlicher Gennaker
DSC_2914
Der Gennaker ist konventionell geschnitten

Seit ein paar Jahren sind Rollanlagen im Handel, mit denen jeder Gennaker, unter Umständen mit kleinen Abänderungen, nachgerüstet und aufgerollt werden kann. Grundvoraussetzung ist hierfür vor allem eine weiche Kopfverstärkung.

Wir wollen eine solche Rollanlage, eine „Gennex“ von Bartels, auf einer Faurby 363 testen. Der Gennaker, wie gewohnt geschnitten, liegt aufgerollt auf das Torsionstau in seinem Segelsack und unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von dem zuvor gesetzten Furlström-Rollgennaker. Auf den zweiten Blick jedoch fällt ein schwarzer Schlauch auf, der an den eines Staubsaugers erinnert, nur ist er hier etwas dünner. Der Schlauch ist in einzelne Segmente geteilt, die wie Perlen auf das Antitorsionstau aufgefädelt sind. Am Roller und am Wirbel sind die Segmente befestigt. Am Topwirbel ist das Tau über eine Spezialkausch zur Schlaufe getakelt. Der Segelkopf verstellbar festgebändselt. Zwischen Wirbel und Fallschäkel (ungewirbelt!) hängt ein Kettenglied, an das horizontal ein zirka 20 Zentimeter langer Stahlstift angeschweißt ist. Dieser stützt sich oben am Mast ab und verhindert, dass sich das Fall beim Rollen um sich selbst drehen kann. Am Endlosroller wird die Torsionstau-Schlaufe um die Kausche getakelt und zusätzlich mit einem speziellen Keilschloss eingeklemmt. Zwischen dem Hals des Gennakers und der Halsbefestigung am Roller sitzt eine Talje mit Block und Curry-Klemme. Hierüber lässt sich die Vorlieksspannung des Segels verstellen. Straff für höhere, lose und bauchig für raumere Kurse. Wir schäkeln den Roller am Bugbeschlag an und ziehen die Rollwurst mit den bereits angeschlagenen Schoten (ist hinterher nicht mehr möglich, da die Schotecke in fünf Metern Höhe hängt!) am Spifall hoch und setzen das Torsionstau durch. Die Rollerleine wird entlang der Relingsstützen durch Leinenführungen, die man öffnen kann, ins Cockpit verlegt. Ein kleiner Zug an der Leeschot genügt, das Segel füllt sich mit Wind, rollt ab, das Vorliek löst sich vom Torsionstau und plopp!, der Gennaker steht wie gewohnt. Gleiche Profiltiefe, gleiche Schultern, gleiche Fläche, gleicher Einsatzbereich. So weit so gut. Doch jetzt wollen wir mal sehen, wie das mit dem Aufrollen funktioniert.

 Gewusst wie
DSC_2916
Mit der Halstalje wird die Vorlieksspannung dem Kurs angepasst

Nach mehrfachen Versuchen kristallisieren sich folgende Voraussetzungen für eine optimale Funktion der Rollanlage und erfolgreiches sauberes Rollen heraus:

Das Torsionstau muss kräftig durchgesetzt sein. Doch Vorsicht – zu viel Spannung schadet dem Kugellager im Roller und macht ihn zudem bei der Bedienung Schwergängig.

  1. Mit der Halstalje sollte das Vorliek des Gennakers vor dem Rollen durchgesetzt werden.
  2. Die überschüssige Leine der Halstalje muss aus dem Drehbereich des Endlosrollers gebracht und am besten am Segelhals befestigt werden, sonst kann sie den Rollvorgang blockieren.
  3. Den Gennaker, wenn möglich mit wenig Druck, also auf raumem Kurs bergen.
  4. Die Leeschot nicht loswerfen sondern kontrolliert fieren.
  5. Die Luvschot kontrollieren, damit sie nicht mit eingewickelt wird.
  6. Kann die Rollerleine nicht belegt werden, so lange weiterrollen, bis die Schot um die Segelwurst geschlungen ist und diese am erneuten Aufrollen hindert.

 Von Kopf bis Fuß

Da das Rollen eines so tief geschnittenen Segels Probleme bereiten würde, haben Bartels und andere Hersteller den Rollvorgang auf den Kopf gestellt. Würde man, wie bisher üblich, von unten nach oben rollen, bliebe im oberen Bereich das Segel sehr lose und locker wie eine Tüte stehen, in der sich der Wind fangen und das Segel zu garantiert unpassender Zeit wieder aufwehen könnte. Durch eine auf dem Roller drehbar gelagerte Halsbefestigung beginnt hier dagegen das Aufrollen im Top. Diese sogenannten „Top-Down“-Rollanlagen haben den Vorteil, dass das Segel im oberen Bereich sehr eng rollt, wodurch man es durchaus auf der Kreuz, bei nicht zu viel Wind, eine zeitlang stehen lassen kann. Der Nachteil dagegen wird schnell erkennbar. An der Bedienleine muss Hand über Hand lange flott gezogen werden bis das Segel oben schlagartig zu rollen beginnt. Wir schauen auf die Uhr – in ungefähr 15 Sekunden lassen sich mit etwas Übung ungefähr 100 Quadratmeter Top-Gennaker mit einer Vorliekslänge von zirka 16 Metern wegrollen. Bei wenig Wind.

DSC_2963
Kompakt gepackt – Rollgennaker fertig zum Setzen
DSC_2949
Beim Top-Down-Furler beginnt das Rollen im Top

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Je steifer, desto besser

Die Effizienz des Rollvorgangs wir beim Top-Down-Rollen maßgeblich durch das Anti-Torsionstau bestimmt. Hier sind verschiedene Produkte unterschiedlicher Bauart und unterschiedlicher Preisklassen im Handel. Während das mit Kevlar aufgebaute und mit einem monofilamenten Zwischenmantel umgebene Tauwerk von Liros im Furlström, von unten nach oben gerollt, einwandfrei funktioniert, erwies es sich für das Rollen von oben nach unten als nicht verwindungssteif genug. Das von Bartels verwendete Tau ist dagegen deutlich steifer und überträgt die Drehung wesentlich direkter und damit schneller nach oben. Ganz zu Anfang geschahen jedoch mit diesen Rollanlagen noch schreckliche Dinge: Das in sich verdrehte Torsionstau drehte nach dem Aufrollen, sowie man die Endlosrollerleine los ließ und die Spannung löste, zurück und nahm das aufgerollte Segel innerwärts in die Gegenrichtung mit. Das dünne Spinnakertuch verklemmte sich im Topbereich teilweise dergestalt, dass es nicht mehr abgerollt werden konnte. Um diesem Chaos vorzubeugen, fädelt Bartels den „Staubsaugerschlauch“ auf. Dreht das Tau seinen Drall jetzt zurück, so geschieht dies ohne den vernichtenden Kontakt zum Segel. Bei Profurl sitzen zum gleichen Zweck dicke Kunststoffperlen über dem Tauwerk.

DSC_2966
Ein Stahlstift verhindert das Vertörnen des Falls beim Rollen

Das teuerste und tatsächlich beste Torsionstau, angeblich vier- bis fünfmal so torsionsstabil wie das von Liros, wird von Seldén verarbeitet. Eine monofile Kunststoffseele ist von einer dicken Schicht Dyneemafasern umgeben. Diese werden von zwei ganz extrem eng geflochtenen Dyneema-Mänteln zusammengequetscht. Ein dritter äußerer Polyestermantel schützt die empfindliche Faser. Diese Konstruktion ist so steif, dass sie von Seldén nicht mehr Tau sondern „AT-Cable“ genannt wird und das GX-Furling-System daher ohne Schutzüberzug auskommt. Der Anschluss des Tauwerks an den Roller erfolgt hier ähnlich wie beim Vorstagsdraht an der Furlex-Rollanlage. Es wird mit einem Konus aufgeschraubt. Dies bringt einen weiteren Vorteil: Die neuen Anlagen werden mit einem verstellbaren Trimmwirbel für den Segelhals geliefert. Die älteren Systeme können damit nachgerüstet werden. Die lästige Leine der Halstalje wird überflüssig. Dieser Trimmwirbel läuft dank fehlender getakelter Schlaufe und mangels Schutzschlauch direkt auf dem Torsionstau und wird vom Cockpit aus hoch und runter gefahren. Die Vorliekspannung kann so bequem an die verschiedenen Kurse angepasst werden, ohne dass sich eine Leine im Rollmechanismus verklemmt.

 Wir hatten keine Gelegenheit den Rollvorgang bei stärkerem Wind zu testen. Bei leichtem Wind und unter Berücksichtigung der beschriebenen Voraussetzungen ließ sich der Gennaker problemlos bergen. „Want to see your crew smile?“ fragt Seldén in einem seiner Prospekte. Sicher, nur sollte man aufpassen, dass sie mangels Beschäftigung auf keine dummen Gedanken kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.